Eigentlich sollte ich darüberstehen. Das, was andere von mir und meinem Hund halten, das müsste mir sonst wo vorbei gehen. Am Tag zuvor war ich noch so stolz auf mich, wie wir an den Handwerkern rund um unser Haus vorbeigekommen sind, wie ich für meinen Hund und mich Abstand eingefordert habe, wie leicht es mir fiel und dass die gestandenen Männer auf mich gehört haben, mir Platz gemacht haben und ich keine blöden Sprüche zu hören bekam.

Ich kenne meinen Hund und weiß, dass es für ihn in engen Situationen, besonders rund um unser Haus und mit fremden Menschen, schwierig ist. Deshalb handle ich vorrausschauend. Ich kann nämlich gut verstehen, dass Cosmos Verhalten einen ziemlich erschrecken kann.

Doch dann ist es wieder passiert. Als ich um die Hausecke bog, sprang Cosmo plötzlich in die Leine und bellte. Der Auslöser war eine hübsche Frau, die im Büro unten arbeitet und die sich zum Rauchen hinter die hohe Gartenmauer gestellt hatte. Dort hatte ich sie nicht sehen können. Einer der Handwerkergesellen war in der Nähe und meinte im selben Moment zu ihr gewandt: „Achtung: Der Hund ist bösartig!“ Dieser Satz traf mich hart. Ich war überhaupt nicht darauf gefasst gewesen. Zu mir gewandt, wollte er dann wissen: „Was ist denn mit dem? Wieso ist der so aggressiv?“ Schon hörte ich mich selbst, wie ich mich wieder für meinen Hund rechtfertigte und irgendwelchen „Tierschutzhund-Bullshit“ erzählte. Ich ärgerte mich, weil ich die Bewertung ungerecht fand. Schließlich ist mein Hund nicht „böse“, es handelt sich nur um ein Missverständnis in der Mensch-Hund-Kommunikation.

Viele Menschen können Hunde nicht lesen. Es kommt daher häufig zu Missverständnissen in der Mensch-Hund-Kommunikation, weil sie das Verhalten nicht einzuschätzen wissen. Wenn Cosmo beispielsweise seine Individualdistanz laut bellend und knurrend einfordert, macht ihnen das zurecht Angst. Auch in der menschlichen Kommunikation kommt es zu diesen Missverständnissen.

Vermutlich ging es dem Gesellen gar nicht um den „bösartigen Hund“ und all das, was ich noch meinte, verstanden zu haben. Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass vielleicht auch wir aneinander vorbeigesprochen haben. „Bösartig“ war für ihn vielleicht etwas völlig anderes als für mich.

Für mich hieß es:

Der Hund ist ein Problem.
Der Hund ist schlecht erzogen.
Der Hund ist gestört.

oder:

Du hast ihn zu dem gemacht, was er ist.
Du hast deinen Hund nicht im Griff.
Du bist unfähig deinen Hund zu führen.

Wenn ich das in die Aussage hineinlege, dann ist es kein Wunder, dass ich mich ärgere und in die Rechtfertigungshaltung gehe. Dabei kann es ganz anders gemeint sein. Es könnte auch heißen:

Der Hund ist mir unheimlich.
Ich kann ihn nicht einschätzen.
Ich hoffe, du passt auf.
Ich habe Angst.
Ich will Abstand.
Pass auf!

Später fällt mir ein, dass es noch dazu gar nicht um mich gegangen war, sondern um die hübsche Frau und dass der Geselle: „Achtung: Der Hund ist bösartig!“ mehr zu ihr als zu mir gesagt hatte. Vielleicht wollte er sich ihr gegenüber als Beschützer darstellen, indem er ihr damit bedeutete: „Pass auf! Nimm dich in Acht!“

Möglicherweise hat er gemerkt, dass ich den Satz gehört habe und er mich damit getroffen hat. Seine Nachfrage nach den Hintergründen und der Ursache von Cosmos Verhalten könnte deshalb auch entgegenkommend und nett gemeint gewesen sein.

Indem ich mir diese vielfältigen Facetten der innerartlichen und zwischenartlichen Kommunikation bewusst machte, konnte ich die Bewertung „bösartiger Hund“ loslassen. Mein Ärger auf den jungen Mann verpuffte. Am nächsten Tag konnte ich ihm wieder freundlich begegnen, er hielt den vereinbarten Sicherheitsabstand zu uns ein und Cosmo machte beim Vorübergehen keinen Mucks. Trotz allem hatten wir drei uns also doch irgendwie verstanden.

Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, dass jede Kommunikation nicht nur einen Inhaltsaspekt, sondern immer auch noch einen Beziehungsaspekt hat. Das ist eines der fünf Axiome¹ der menschlichen Kommunikation nach Paul Watzlawik². Man kann sie übrigens auch auf die hündische Kommunikation und die Mensch-Hund-Kommunikation übertragen, auch hier geht es immer um mehr als nur den Inhaltsaspekt.

Wenn du solche Sätze wie „Achtung: Der Hund ist bösartig!” kennst und sie dich ärgern, dann erinnere dich daran: Das, was jemand sagt, hat oft viel mehr mit ihm selbst zu tun als mit dir oder deinem Hund. Es kann auch ganz anders und vor allem viel netter gemeint sein, als du vielleicht im ersten Moment denkst.

¹ Axiom bedeutet so viel wie „Grundsatz“.
² österreichischer Kommunikationspsychologe