Zur Vorbereitung auf meine erste Operation mit Vollnarkose waren am Tag davor mehrere Gesprächstermine in der Uniklinik Freiburg angesetzt. Ich war sehr angespannt und diese Anspannung ließ auch nicht nach, als die Krankenpflegerinnen mir mitteilten, dass ich nach der Operation am nächsten Morgen stationär aufgenommen werden würde (ich dachte bis dato, ich würde noch am selben Tag entlassen) und auch nicht, nachdem mich die operierende Ärztin haarklein über alles informiert hatte, was bei der Operation gemacht werden würde und was unter Umständen schief gehen könnte.

Die erste Operation mit Vollnarkose

Als letztes stand noch das Gespräch mit dem Anästhesisten aus. Nach zwei Stunden Wartezeit war es dann so weit. Der Anästhesist beschrieb mir den Ablauf, erzählte von der Sauerstoffmaske, der Narkose und der künstlichen Beatmung, die ich für die Zeit erhalten würde; außerdem informierte er mich, wie im Übrigen die Ärztin zuvor, dass er noch nicht wisse, ob er es sein würde, der mir morgen die Narkose geben würde. Wieder kamen mir fast die Tränen. Ich fühlte mich halt- und hilflos, hatte Angst und keine Idee, was ich dagegen tun könnte.

„Wo möchten Sie während der Narkose sein?“

Da gab er mir den entscheidenden Tipp: „Das klingt jetzt vielleicht ein wenig spirituell oder gar esoterisch. Aber stellen Sie sich einen Ort vor, an dem Sie in der Zeit der Narkose sein wollen. Manche Menschen wachen auf und erzählen, sie seien wirklich dort gewesen, z. B. am Strand.“ Sofort fiel mir ein, dass ich einen Ort kannte: Meinen sicheren Ort. Beim Abschied konnte ich wieder lächeln, hatte er mich doch an mein Mentales Training erinnert, das ich seit Jahren praktiziere und damit an eine wichtige Ressource. Ich wusste nun, was zu tun war.

Ich wusste, was zu tun war.

Im Laufe des Abends bereitete ich mich zu Hause weiter auf die Operation vor, packte meine Tasche fürs Krankenhaus, nahm die vorgeschriebenen Medikamente. Dabei beschäftigte mich das Bild von meinem sicheren Ort. Irgendwie funktionierte die Visualisierung nicht. Meine Emotionen veränderten sich nicht. Nach wie vor überwog die Angst und ich sah ich nur die Dinge vor meinem inneren Auge, vor denen es mir grauste.

Wenn das Bild nicht funktioniert.

Irgendwann in der Nacht, ich war zuvor schlaflos durch die Wohnung gegeistert, legte ich mich wieder ins Bett zu meinem Mann, der entspannt zu schlafen schien. Da dachte ich bei mir: „Eigentlich will ich mich für die Narkose auf keine Insel wünschen und ich will auch nicht an meinen sicheren Ort, zu meinen zwei Wölfen. Am liebsten wäre es mir, ich könnte mich einfach umdrehen und wäre zu Hause in meinem Bett, könnte mich an die Schulter meines Mannes kuscheln und dem friedlichen Atem meines kleinen Hundes im Körbchen nebenan lauschen. “

Dein sicherer Ort ist ganz nah.

In diesem Moment spürte ich, wie ich mich zum ersten Mal seit Stunden wieder ein wenig entspannen konnte, die Angst wurde weniger. Ich wusste, dieses Bild konnte ich mir ganz leicht vorstellen und es war mit der passenden, starken Emotion verbunden, die mich tröstete. Ich hatte den sicheren Ort für die Operation gefunden und er war gar nicht weit entfernt.

Auf dem Weg in den Operationssaal

Am nächsten Tag musste ich schon sehr früh in der Klinik sein. Nach dem Umziehen wurde ich zusammen mit zwei anderen Frauen in den Operationssaal eingeschleust. Wer das schon mal erlebt hat, weiß, wie kalt und steril dieser Ort ist. Auf dem Weg dorthin – wir mussten noch ein Stück über den Krankenhausflur gehen – zitterte eine der Frauen vor Anspannung und Angst am ganzen Körper.

Meine mentale Vorbereitung half mir enorm.

Meine mentale Vorbereitung half mir enorm. Ich konnte sogar die fremde Frau ein wenig trösten, nahm die freundlichen OP-Pfleger*innen wahr und wie sie sich liebevoll um uns kümmerten. Eingehüllt in vorgewärmte Decken lag ich auf der Operationsliege, als der Anästhesist zu mir kam, um den Zugang für die Narkose zu legen. Ich war so froh, dass es der Arzt von gestern war – ein bekanntes Gesicht. So konnte ich mich nochmal für den Tipp bedanken und erzählte ihm kurzerhand von meinem sicheren Ort. Da meinte er sichtlich gerührt: „Das ist der schönste Ort, von dem ich je gehört habe.“ Wenige Sekunden später war ich eingeschlafen.

Dein sicherer Ort

von Anna Katharina Meißner | MENTALES TRAINING

Dein sicherer Ort | Mentales Training

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