Ich gehe seit vielen Jahren mit meinen Hunden in Alten- und Pflegeheime, besuche die Bewohner, biete Therapieeinheiten an oder „bin einfach nur da“ mit dem Hund. Es gibt unzählige schöne Momente, wir lachen und erzählen viel. Ich bin immer wieder beeindruckt und tief dankbar, wie Tiere – in meinem Fall eben Hunde – auf Menschen zugehen können und, selbst wenn diese schon lange verschlossen scheint, die Tür zu ihren Herzen öffnen können, so dass der Mensch wieder ein bisschen Nähe zulassen und diese sogar genießen kann.

Hunde öffnen Herzen, so dass Menschen wieder Nähe zulassen können

Mehr als einmal stand ich mit dem Pflegepersonal am Bett eines Bewohners und es trieb uns die Tränen in die Augen. Der Bewohner reagierte auf nichts mehr, bis der Hund kam und sich sanft zu ihm auf das Bett legte. Plötzlich entspannte sich der Bewohner, die Gesichtszüge wurden weich, ein paar Finger bewegten sich und streichelten über das kuschelige Fell. Diese Momente sind „magisch“.

Im Pflegeheim erlebt man mitunter magische Momente.

Aber es gibt auch andere Situationen, die mich immer wieder zum Nachdenken bringen. Es gibt Bewohner, die ich zum Teil schon an die zehn Jahre kenne und mit meinen Hunden besuche. Sie verbringen ihr Leben seit zehn Jahren und länger im Seniorenheim. Heute war ich bei einer Bewohnerin, die ich ebenfalls seit vielen Jahren kenne. Sie liebt Katzen und Hunde. In den ersten Jahren war sie noch recht fit und kam alleine mit ihrem Rollator zu den Gruppenstunden.

Manchmal ist es aber auch schwer.

Über die Beschäftigung mit dem Hund kam sie mit anderen Bewohnern ins Gespräch und es entstanden so kleine Freundschaften. Gemeinsame Interessen verbinden. Diese Bewohnerin erzählte mir immer von ihrem Enkel, auf den sie sehr stolz war. Sie erzählte, was er in der Schule erlebt hatte, wie gut sein Schulabschluss war und dass er jetzt eine tolle Ausbildung macht. Vor Jahren habe ich ihn mal persönlich getroffen, als er seine Oma besucht hat. Ein wirklich sympathischer Junge!

Wenn man Menschen seit Jahren kennt und sieht wie einsam sie werden.

Mit der Zeit verlor diese Bewohnerin die Lust, ihr Zimmer zu verlassen. Das Gehen fiel ihr immer schwerer und sie wollte nicht, dass andere sie so sahen. Also besuchte ich sie fortan in ihrem Zimmer. Auch hier hatten wir viel Spaß, machten Versteck- und Apportierspiele mit den Hunden und es wurden viele Streicheleinheiten verteilt. Meine Fragen nach dem Enkel wurden immer öfter beantwortet mit „der hat jetzt keine Zeit mehr für die Oma, der muss für die Ausbildung lernen“.

Für diese Frau war ich der einzige Besuch.

Eine andere Dame, die regelmäßig zu ihr zu Besuch gekommen war, kam auch nicht mehr. Ich war außer dem Heimpersonal noch die einzige Person, die in ihr Zimmer kam und Zeit mit ihr verbrachte. Und das seit ca. sechs Jahren … Vor fast zwei Jahren wurde ihr Augenlicht schlechter und sie konnte nicht mehr lesen. Ich muss dazu sagen, dass ihr Zimmer voller Bücher steht und ich sie immer lesend angetroffen habe, wenn ich mit dem Hund kam. Sie liebte ebenfalls Naturdokumentationen im Fernsehen und wir unterhielten uns oft darüber, was sie die Tage zuvor gesehen hatte. Auch das geht nicht mehr, weil sie das Fernsehbild nicht mehr erkennt.

Wenn ich sie fragte, wie es ihr geht, sagt sie, sie will nicht mehr leben.

Was macht sie den ganzen Tag? Sie sitzt in ihrem Stuhl an einem kleinen Tisch und schaut aus dem Fenster. Was sieht sie? Eine vielbefahrene vierspurige Straße in einer Großstadt. Mit einem schmalen Grünstreifen zwischen den Fahrspuren. Wie geht es ihr dabei? Seit Jahren sagt sie mir jedes Mal, wenn ich sie frage, wie es ihr geht, dass sie nicht mehr leben will. Sie ist mittlerweile über 90. Ich schaue seit Jahren zu, wie sie immer mehr abbaut, wie ihre Kräfte immer mehr schwinden. Aber das Herz ist noch stark. Irgend etwas hindert sie daran, zu gehen, obwohl sie es möchte. Wer denkt sich so etwas aus?

Irgendetwas hindert sie daran, zu gehen.

Seit drei Wochen geht es ihr zunehmend schlechter. Sie liegt jetzt nur noch im Bett. Von dort aus kann sie nicht mal mehr aus dem Fenster schauen. Heute habe ich gesehen, dass auf ihrem Tisch ein Tablett mit Utensilien zur Mundhygiene steht. Diese Stäbchen benutzt man, wenn ein Mensch gar nicht mehr oder nur noch sehr wenig trinkt. Sie sollen den Durst lindern. Als ich heute zu ihr ins Zimmer kam, war sie gerade dabei, nach der Schnabeltasse zu greifen, die auf dem Tischchen an ihrem Bett stand. Sie schaffte es nicht, die Schnabeltasse anzuheben und zum Mund zu führen. Ich half ihr dabei. Jeder Schluck war anstrengend und zog sich über eine gefühlte Ewigkeit hin. Die Augen waren nur halb geöffnet. Der Atem ging schwer. Nach dem Trinken setzte ich den Hund auf einen Stuhl neben ihr Bett. Sie registrierte es und sofort ging eine Hand Richtung Hund.

Sofort ging eine Hand in Richtung Hund.

Ich muss dazu sagen, dass der Hund, den ich heute dabei hatte, sonst ein echter „Feger“ ist und sehr lebhaft. Aber in solchen Situationen kann er sich total zurück nehmen, legt den Kopf aufs Bett und lässt sich ganz ruhig kraulen. So auch heute. Die Bewohnerin hatte mir heute nichts mehr zu sagen. Sie war nur müde und erschöpft. Und so saß ich an ihrem Bett und beobachtete, wie sie den Hund kraulte und ein bisschen lächelte dabei.

Gehen Sie mit dem Hund raus!

Und dann passierte mal wieder das, was ich schon öfter erlebt habe. Eine Schwester riss die Zimmertür auf und polterte herein mit den Worten: „Wir müssen Frau … jetzt waschen, gehen Sie mit dem Hund raus.“ Ist es Ignoranz? Zeitdruck? Mangelndes Interesse? Fehlende Empathie? Oder ein bisschen von allem? Ich bin sicher, dass viele Pflegekräfte ihren Beruf aus der Berufung heraus machen. Viele, aber eben nicht alle. Ich werde niemanden dafür verurteilen. Es gibt für alles einen Grund.

Der schöne Augenblick war zerstört.

Aber es wäre schön gewesen, wenn die Schwester wenigstens mal einen kurzen Blick auf die Bewohnerin geworfen hätte, dann hätte sie nämlich auch gesehen, wie ruhig und harmonisch die Situation mit dem Hund war. Und vielleicht hätte es dann auch gereicht, die Morgenpflege ein wenig später zu vollziehen, um der Bewohnerin noch ein paar schöne Augenblicke zu gönnen.

Es war vielleicht das letzte Mal.

Im Hinausgehen sah ich mich noch einmal nach „meiner“ Bewohnerin um. Ihr Gesicht war wieder eingefroren und angespannt. Man hatte ihr die Bettdecke schon weggenommen und der eingefallene Körper war sichtbar. Die Zeichen werden immer deutlicher: Es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis der Körper keine Kraft mehr hat. Und dann wird sich der schon seit vielen Jahren gehegte Wunsch dieses Menschen erfüllen und er darf gehen.

Ich werde weiter mit meinen Hunden ins Alten- und Pflegeheim gehen.

Ich habe in meinem bisherigen Leben einige Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet. Für manche war es leicht zu gehen, für andere ein Kampf. Manchmal hat es Jahre gedauert, manchmal nur wenige Wochen. Viele waren im Kreis von Familie und Freunden gut aufgehoben, einige gingen diesen Weg ganz alleine. Man kann nicht alles beeinflussen. Ich denke auch heute wieder an das alte Sprichwort: „Behandle andere so, wie du gerne behandelt werden möchtest.“ Und deswegen werde ich auch weiterhin mit meinen Hunden ins Alten- und Pflegeheim gehen und versuchen ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern, so gut ich es kann.

Und ich werde versuchen, niemanden für sein Handeln im Umgang mit alten, kranken, sterbenden Menschen zu verurteilen. Ich habe gelernt, dass ich damit nicht weiter komme und diese Menschen nicht ändern werde. Im Gegensatz dazu werde ich weiter an meiner eigenen Resilienz arbeiten, um besser mit solchen Situationen umgehen zu können.

Diese Blume widme ich all „meinen“ Bewohnern, die ich bisher begleiten durfte und zukünftig begleiten werde. Auch kurz vor dem Verwelken ist diese Blume es wert, gesehen zu werden! Ist sie nicht wunderschön?

Update: Kurz nach unserem Besuch ist die Bewohnerin verstorben. Auf meine Nachfrage teilte man mir mit, dass sie ein anonymes Grab bekommen hat. Für mich war sie eine Bereicherung und ich hoffe, es war auch umgekehrt. Ich werde sie im Herzen behalten.

Über die Autorin:
Sabine Müller ist Hundetrainerin bei Hundewelt-SAM in Lorsch. Seit mehr als zehn Jahren gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrung zum Wohle der Hunde weiter. In Ihrem Ausbildungszentrum für Assistenzhunde bildet sie Therapie- und Behindertenbegleitunde aus. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Rettungshundearbeit.

www.hundewelt-sam.de