Ich wache auf und blicke in Miros unglaublich liebevolle Augen. Er steht ganz nah vor mir und hat mich wachgeguckt. Das ist eine seiner Spezialbegabungen. Sobald er meinen Blick sieht, öffnet er leicht die Schnauze, als ob er etwas sagen will und beginnt sanft mit der Rute zu wedeln. Ich sage zärtlich: „Guten Morgen, mein Schatz!“ Das ist das Signal für Tashi. Mit einem Sprung kommt sie aufs Bett und schleckt mir liebevoll durchs Gesicht.

Mit Freude den Tag beginnen

Freudig stehe ich auf. Der Tag hat begonnen. Eine Stunde später sind wir draußen am Feld. Ich liebe unsere Morgenspaziergänge so sehr. Eine perfektere Einstimmung auf den Arbeitstag kann ich mir nicht vorstellen. Wir lassen uns Zeit, viel Zeit. Schließlich gibt es genug davon! Alle drei mögen wir gemächliche, meditative Spaziergänge. Jeder geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Miro ist ein Nasenhund. Wenn er einen interessanten Grashalm findet, schnüffelt er ihn mit äußerster Gründlichkeit von oben bis unten und wieder nach oben ab, dann von der anderen Seite, wieder rauf und runter schnüffeln und das Ganze zur Sicherheit noch mal von der ersten Seite.

Völlig im Tun versinken

Dabei ist er vollkommen versunken in sein Tun. Leider teilt er mir nicht mit, was der Grashalm ihm alles berichtet. Auf dieser Wiese gibt es sehr viele Grashalme, die Miro sehr viel mitzuteilen haben. Ich schaue ihm zu, bewundere dieses völlige Hingegebensein ans Hier und Jetzt und habe genug Gelegenheit, die anderen Pflanzen um diesen Grashalm herum wahrzunehmen: Wie unterschiedlich gross die Schafgarben wachsen. Wie unglaublich zart ihre feinen Blättchen sind. Und hier ist ein knallrosa Schafgarbe, mitten zwischen den weißen!

Sich beherrschen können

Tashi hat derweil genügend Muße, ihrem Hobby nachzugehen. Sie ist ein Augenhund, jagt und sucht wenn möglich nur mit den Augen. Während Miro sich mit dem Grashalm austauscht, sitzt Tashi bewegungslos und scannt die Umgebung nach Bewegungen ab. Dann wird sie ganz steif, daran erkenne ich, dass sie etwas Spannendes entdeckt hat. Ich mit meinen behinderten Sinnen sehe den Hasen nicht. Denn etwas anderes als ein Hase kann es hier, auf der grossen Wiese vor dem Wald, eigentlich nicht sein. Tashi hat Hasen zum Fressen gern. Aber sie hat gelernt, sie mit den Augen statt mit den Füssen zu jagen, und sich mit dem köstlichen Aroma in der Nase zufrieden zu geben, statt sich den Hasen auf der Zunge zergehen zu lassen. Die Hasen hier wissen das alle und haben deshalb gar keine Scheu. Völlig unbeirrt gehen sie ihren Geschäften nach. Tashi sitzt, schweigt und guckt voller Konzentration.

Wie man spielt

Inzwischen hat Miro dann doch die Unterhaltung mit allen Grashalmen beendet und langweilt sich. Zeit für ein kleines Spiel mit ihm. Impulskontrollspiele eignen sich hier gut: Ich streue Leckerlis um ihn herum, aber er darf sie erst nehmen, wenn ich es sage. Er liebt das; schon deshalb, weil er natürlich genau weiß, dass diese ganzen Leckerlis alle für ihn allein sind, da Tashi gerade anderweitig beschäftigt ist. Endlich macht sich der Hase vom Acker. Jetzt möchte sich Tashi etwas bewegen und fordert Miro zum spielen auf, was der sich nicht zwei Mal sagen lässt. Nach einer kleinen, fröhlichen Toberunde nehmen wir unsere gemächliche Gangart wieder auf. Auf diese Weise legen wir immerhin 1 bis höchstens 1,5 km in der Stunde zurück. Danach sind alle zufrieden und ausgelastet.

Leben im Hier und Jetzt

Täglich aufs Neue zeigen meine liebsten Gefährten mir auf unseren Spaziergängen, dass es Zeit nur im Denken von Menschen gibt. In Wirklichkeit gibt es nur das Jetzt. Das Leben geschieht jetzt und hier. Hier, auf dieser Wiese, gilt es jetzt, dieser Strandkamille zuzuhören, die mir gerade dort vom Rand der Wiese winkt und zu einem Gespräch einlädt. Ich gehe ein Stück näher und begrüße sie. Was mag sie mir erzählen?

Mit Pflanzen sprechen

„Wir Strandkamillen sind jetzt hier, um die tiefen Verletzungen zu heilen, die dem Erdboden an dieser Stelle vor einigen Monaten von dem Bagger zugefügt wurde, der tief in den Eingeweiden dieses Ortes gewühlt hat. Wir heilen im Hier und Jetzt, aber das Hier und Jetzt ist entstanden aus dem Geschehen eines früheren Hier und Jetzt. Wir heilen die tiefen Traumata, die durch fremde, nicht zugehörige Energien verursacht wurden.“

Gedanken zu fühlen

Ich bedanke mich für die Mitteilung und merke nun, dass Tashi und Miro still neben mir sitzen und aufmerksam gelauscht haben. Die telepathische Kommunikation funktioniert zwischen allen Spezies, nur der Mensch mit seinem ausgeprägten rationalen Denken muss diese Sprache neu lernen. Diese Strandkamille hat meine Gedanken gefühlt, die ich eben über das Leben im Jetzt hatte. Das wundert mich nicht, denn das erlebe ich nicht zum ersten Mal.

Jeden Tag etwas Neues zu lernen

Schon oft haben Tashi und Miro mich auf Pflanzen hingewiesen, die mich riefen, weil sie etwas heilen konnten, was mich gerade beschäftigte; oder weil ihr Name auf meiner Vorrats-Sammelliste war. Tashi hat mich überhaupt erst in die Kommunikation mit Pflanzen eingeführt. Zutiefst dankbar für diese Begegnung mache ich mich mit meinen beiden „Wegweisern“ auf den Heimweg. Ich versäume auch nicht, den Gefährten an meiner Seite für diesen Morgengang zu danken. Solche Pflanzenbegegnungen habe ich nicht auf jedem Spaziergang, nicht jeden Tag, nicht mal jede Woche. Aber täglich lerne ich von meinen Hunden, lerne mit ihnen gemeinsam.

Gemeinsam Spaß haben

Oft lese ich in irgendwelchen Hundeforen, wie Menschen ihren Hunden beibringen wollen, sich der Welt der Menschen anzupassen und reibungslos zu funktionieren. Die meisten arbeiten immerhin schon mit positiver Konditionierung statt mit Strafen. Sicher, auch Tashi und Miro haben gelernt, sich nach mir zu richten, zum Beispiel, sich an der Leine führen zu lassen. Aber ich habe nie versucht, sie zu konditionieren, sondern habe sie als dem Menschen gleichwertige, intelligente, fühlende Wesen gesehen und angesprochen. Sie mussten sich niemals „unterordnen“. Dafür beschenken mich beide damit, dass sie mich ihre Welt miterleben lassen und so darf ich unendlich viel von und mit ihnen lernen. Was sind dagegen all die Tricks, die Such- und Schnüffelspiele, die sie von mir gelernt haben? Gemeinsames Spiel und Spaß haben. Lächerlich im Vergleich zu dem, was ich durch sie lerne. Dafür bin ich ihnen jeden Tag aufs Neue dankbar.