Sabine und ich haben uns bei einem Social Walk in der Hundeschule kennen gelernt. Hier sahen wir uns alle paar Monate und in unregelmäßigen Abständen, fanden uns sympathisch und wechselten immer wieder mal ein paar Worte. Eines Tages erzählte sie von ihrer Reise nach Nepal und dass sie dort mit Straßenhunden gearbeitet hat. Das machte mich neugierig und ich bat sie, ob sie ihre Erfahrungen nicht in einem Gastartikel für meinen Blog veröffentlichen wollte. Hier kommt ihr Bericht:

Sabine erzählt von ihrer Reise nach Nepal und wie sie dort mit Straßenhunden gearbeitet hat.

Die Idee, an einem Volunteer-Programm teilzunehmen, entstand Anfang Februar 2018. Die Initialzündung kam durch die Bemerkung einer Bekannten. Sie meinte, dass sie mich eigentlich nicht in Freiburg, sondern in einem fernen Land „sieht“. Dieser Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf und so suchte ich noch am gleichen Tag spaßeshalber im Internet nach „Freiwilligenarbeit“ und fand sogleich zwei Projekte: eines mit Straßenhunden in Kathmandu und eines mit Orang Utans in Malaysia. Ich bewarb mich auf beide Projekte. Natürlich schrieb ich in meiner Bewerbung, dass ich über 50 Jahre bin. Daraufhin meldete sich Karmalaya, die ihren Sitz in Österreich haben, zurück.

Reisen in Verbindung mit Persönlichkeitsentwicklung und Entwicklungszusammenarbeit

Karmalaya ist ein soziales Reise-Unternehmen aus Salzburg, das Reisen mit Persönlichkeitsentwicklung und Entwicklungszusammenarbeit verbindet. Seit 2010 realisieren sie nachhaltige Tourismus-Projekte in Entwicklungsländern. Gleichzeitig ermöglichen sie Freiwilligeneinsätze und authentische Reisen in entlegene Regionen wie Nepal, Uganda, Indonesien, Hawaii, Sri Lanka, Südafrika und den Philippinen und den Teilnehmenden dadurch Sinn und ihre Bestimmung zu finden.

Das Alter war bei der Bewerbung kein Problem.

Für den Einsatz war mein Alter kein Problem und somit gab es für mich auch kein Zurück mehr. Meine Bewerbung wurde angenommen. Jetzt musste ich mich noch um die nötigen Impfungen kümmern, einen neuen Reisepass beantragen und den Flug buchen. Das alles war innerhalb einer Woche geregelt.

Am 31. März 2018 saß ich im Flieger und hatte noch keine genaue Vorstellung davon, was mich in Nepal erwarten würde und was es wohl bedeutet in ein Land der sogenannten „Dritten Welt“ zu reisen. Ich war ganz schön nervös während des Flugs und meine Gedanken fuhren Achterbahn.

Es geht los: Ich fliege tatsächlich nach Nepal!

In Nepal gelandet, war es völlig unkompliziert am Flughafen das Visum anzumelden. Ich hatte allerdings meinen Boardingpass im Flieger gelassen, diesen wollten sie bei der letzten Kontrolle sehen. Ich kam trotz der kurzen Aufregung auch durch diese Kontrolle, nachdem ich wenigstens mein Ticket gefunden hatte und es vorweisen konnte. Wie versprochen wurde ich am Flughafen von einem Mitarbeiter des Reiseveranstalters abgeholt und durch die Stadt zu meinem Volunteerhaus gefahren.

Mein erster Eindruck von Nepal und meiner Arbeitsstelle

Auf der Fahrt dorthin bekam ich einen ersten Eindruck von Nepal: Schmutz, Lärm, schlechte Straßen; für mich alles sehr groß und alles extrem ungewohnt in jeder Weise. Die Straßen waren brechend voll und überall waren Massen von Menschen. Ich sah die ersten Hunde an der Straße liegen oder umherlaufen, eine Kuh stand einfach am Straßenrand, ebenso liefen Hühner und Ziegen frei herum. Im Straßenverkehr wurde wild überholt, einen Mittelstreifen gab es nicht und wenn, wurde er nicht beachtet. Die Straße bestand aus Schlaglöchern und ich dachte: Wenn ich diese Fahrt überlebe, dann kann mich nichts mehr schrecken!

Im Volunteerhaus angekommen, wurde ich herzlich willkommen geheißen. Mir wurde ein Zimmer zugeteilt, das extrem spartanisch eingerichtet war. Es standen darin zwei Betten und sonst nichts. Später bekam ich auch noch einen Kleiderständer. Mehr Bequemlichkeiten gab es bei es in meinem Zimmer jedoch nicht. In anderen Zimmern gab es noch Regale oder die Möglichkeit Kleidung aufzuhängen. Mein einziger Luxus war, dass ich alleine wohnen durfte.

Wenig Luxus dafür ein herzlicher Empfang

Kurz nach der Ankunft gab es das erste Essen „Dal Bhat“: Reis mit Linsensauce und meistens etwas Gemüse-Curry. Dieses Essen gibt es in Nepal mindestens einmal am Tag und wird nach dem Motto „Dal Bhat – Power 24 Hours“ serviert.

Schnell fiel mir auf, dass die Gastgeber nie mit den Volunteers zusammen aßen. Ich fand es sehr befremdlich, dass in Nepal zuerst die Gäste und die, die eingeladen und gekocht haben, erst später alleine in der Küche essen. Das gilt selbst dann, wenn es sich um Verwandtschaftsbesuche oder den Besuch enger Freunde handelt.

Nepalesische Gepflogenheiten

Zu den Gastgebern des Hauses gehörte Bhagwan – einer der Gründer der Organisation. Mit im Haus wohnte auch der Sohn einer Bekannten der Familie, dem es durch die Unterstützung der Familie möglich ist, in Kathmandu die Schule zu besuchen. Und nicht zu vergessen „AMA“, die Mutter von Bhagwan, die für das Kochen zuständig war.

„AMA“ ist das nepalesische Wort für Mutter und so wird sie von allen genannt. In Nepal ist es üblich, dass man Menschen mit „Mama“, „Papa“, „großer Bruder“, „große Schwester“, „kleiner Bruder“ oder „kleine Schwester“ anspricht – egal ob sie zur Familie gehören oder nicht in der Familie. Oft kennen die Menschen nicht einmal den richtigen Namen ihrer Mitmenschen – gerade in ländlichen Gegenden.

Eine Unterkunft mit Familienanschluss

Im Haus hatte ich sofort Familienanschluss. Das war mir fremd, da ich alleinstehend bin und seit Jahrzehnten alleine lebe. In dem ungewohnten Trubel fühlte ich mich trotzdem sehr wohl. Besonders als nach ein paar Tagen, einige Volunteers abreisten und wir nur noch vier „Gäste“ im Haus waren. Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt schon immer mehr wie ein Familienmitglied und verstand mich mit allen gut.

Mein Kontakt zu Liza, einer neunzehnjährigen Schweizerin, war sehr herzlich. Wir hatten nicht nur gemeinsam im Straßenhundeprojekt zu tun, sondern unternahmen auch Ausflüge zusammen. In den ersten Tagen hieß es für uns nämlich erstmal: Ankommen und Akklimatisieren. Sightseeing war angesagt! Wir sahen uns viele Tempel an. Sie sind eine wahre Pracht, selbst wenn man nichts mit Hinduismus oder Buddhismus zu tun hat.

Meine Lebenserfahrung empfand ich als Vorteil.

Wie vermutet, war ich während meiner Reise hauptsächlich von jungen Leuten umgeben. Mit meinen 51 Jahren ließ ich den Altersdurchschnitt in die Höhe schnellen. Doch war dies kein Problem und vor allem nie ein Thema. Es war zwar eher ungewöhnlich in meinem Alter als Volunteer nach Nepal zu reisen, das Land, die Leute und die Organisation haben mich aber immer offen empfangen und bei der Arbeit machte es keinen Unterschied ob man 19 oder 51 Jahre alt ist.

In der ein oder anderen Situation war ich sogar durchaus froh schon älter zu sein. Ich kenne meine Grenzen, bin das körperliche Arbeiten gewohnt und während so mancher jüngere Kollege schlapp machte oder Probleme mit der Hitze hatte, kam ich ohne Schwierigkeiten durch. Auch dass ich schon Jahrzehnte beruflich unterwegs bin, hat mir geholfen, dass ich flexibel einsetzbar war, die Arbeit schnell gesehen habe und selbstständig arbeiten konnte.

Das Kathmandu Animal Treatment Centre KAT

Am dritten Tag schaute ich mir das Kathmandu Animal Treatment Centre KAT an, wo ich eingesetzt werden sollte. Ich wollte mir dort einen ersten Eindruck verschaffen und daraus wurde der spontane Entschluss, den ganzen Tag dort zu verbringen. Man nimmt sofort wahr: Dort wird jede Hilfe gebraucht und man ist willkommen.

Insgesamt gab es auf dem Gelände 14 feste Hundeboxen in zwei Reihen unter den Blechdächern und 15 freistehende Boxen. Die Boxen bestehen nur aus Gitterstäben auch am Boden. Man ist jedoch bemüht, es den Hunden mittels Holzbretter, Maissäcken und Handtüchern bequemer zu machen, aber die Boxen sehen nicht gut aus. Die Unterkünfte sind nach unseren Tierschutz-Maßstäben nicht zufriedenstellend. Sie sind jedoch besser als nichts. Vor allem, wenn man im Hinterkopf hat, welche Hunde im KAT eine Unterkunft finden und dass die Hunde auch teilweise nur drei Tage dort verbringen.

Jede Hilfe ist willkommen!

Bei den Hunden handelte es sich hauptsächlich um Straßenhunde, die eingefangen werden, damit sie kastriert werden. Daneben waren es auch Unfallopfer, Hunde, die misshandelt wurden und Hündinnen mit ihrem Wurf, teilweise auch verwaisten Welpen. Das KAT ist keine Tierklinik, es handelt sich eher um einen Misch aus Auffangstation mit Tierarztpraxis.

Das merkte man auch an den medizinischen Mitteln, die dort zur Verfügung stehen. Es gab keine Blutuntersuchungsmöglichkeiten, kein Röntgengerät, kein Ultraschall. Spezielle Untersuchungsmöglichkeiten sind gleich Null. Es werden Wunden behandelt, Brüche geschient und gegipst, Fieber gemessen und Schmerzmittel gegeben. Der Tierarzt hat neben den normalen Untersuchungen die Möglichkeit Infusionen zu legen und Spritzen zu setzen. Für Operationen gibt es ein Gerät, das den Puls dauerhaft misst.

Den Hunden geht es im KAT noch gut, aber es mangelt an finanziellen Mitteln.

Alles in allem sind das sehr einfach Verhältnisse. Aber ich finde es toll, wie die Menschen dort aus wenig etwas machen. Vergleiche ich das, was ich im KAT erleben durfte, mit dem, was ich bei meiner Rückkehr über Tierheime in südeuropäischen Ländern in Erfahrung gebracht habe, geht es den Tieren im Hundezentrum von Kathmandu echt gut.

Sie leben nicht eingepfercht, bekommen Zuneigung, Hilfe und genug zu fressen und das obwohl die Organisation um jede Rupie kämpfen muss und hauptsächlich von Spenden lebt. Das wurde mir noch mal deutlich vor Augen geführt, da während meines Aufenthalts nicht nur vier Mitarbeiter aus Geldmangel entlassen wurden, es wurde auch das Mittagessen für die Mitarbeitenden und Volunteers gestrichen.

Über die Straßenhunde in Kathmandu

Wie mir schon bei meiner ersten Fahrt durch die Stadt aufgefallen ist, gehören Straßenhunde zum Stadtbild. In Kathmandu und Umgebung gibt es rund 20.000 Straßenhunde. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, die Hunde sehen alles in allem gut aus und es sind die friedlichsten Hunde, die ich kennenlernen durfte. Untertags liegen sie meistens auf den Bürgersteigen, auf unbebauten Plätzen und sie wirken völlig unbeeindruckt vom Geschehen.

Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und bellen wenig. Dafür streunen sie nachts umher, man hört sie dann bei ihrer Revierverteidigung. In der Dunkelheit suchen sie sich auch ihr Fressen. Man glaubt es kaum, aber es gibt sogar dicke Straßenhunde! Dadurch dass die meisten Menschen ihre Mülltüten einfach auf die Straße legen, gibt es in der Regel genügend Nahrungsquellen für sie. Sieht man einen abgemagerten Hund kann man davon ausgehen, dass dieser ernsthaft krank oder verletzt ist.

Eine weitverbreitete Krankheit: Die Räude

Ein weitverbreitetes Krankheitsbild ist Räude. Verletzungen ziehen sich die Hunde oft bei Auto- und Motorradunfällen zu. Gefühlt gibt es sehr viel Unfälle mit Straßenhunden, gemessen an der Zahl von frei laufenden Tieren ist die Zahl aber relativ gering. Doch die Verletzungen durch die Unfälle sind tragisch. Viele Hunde sind danach schwer gehbehindert, haben Lähmungen, Hüftschäden, tiefe Wunden und Verletzungen oder andere Störungen.

Im Hundezentrum waren die Tiere sehr freundlich zu uns Menschen. Es gab unter den Hunden die eine oder andere Rangelei um das Fressen, doch mit etwas Übersicht wusste man schnell, welche Hunde sich gut verstehen und welchen Hund man besser alleine in der Box fressen lässt. Es waren auch nicht alle Hunde durchgehend in ihren Boxen, rund zehn Hunde liefen immer frei in der Anlage herum und die anderen durften sich zwischendurch immer mal wieder frei bewegen, wenn es ihr Gesundheitszustand zuließ.

Meine Aufgaben im Hundezentrum

Wenn man sich der Illusion hingibt, dass der Arbeitsablauf strukturiert ist, wie man es bei uns in Deutschland gewohnt ist, dann täuscht man sich gewaltig. Es gab keine Einführung in die verschiedenen Aufgabenbereiche oder eine Arbeitseinteilung. Ich musste die Aufga-ben selbst erkennen und selbst entscheiden, was ich mache und vor allem auch wie.

Zu meinen Aufgaben zählte bei der täglichen Morgenfütterung helfen, dabei Futternäpfe zu verteilen und wieder einzusammeln. Mit der Zeit bekam ich heraus, welcher Hund etwas mehr Futter brauchte und welcher seinen Napf nicht leer fraß. So konnte ich dann auch immer noch etwas Futter umverteilen, worüber sich gerade die mageren Hunde besonders gefreut haben.

Füttern, Putzen, Kuscheln, Gassi, Baden

Weitere Aufgaben waren die Hundehaufen aus den Boxen und im Bereich der Anlage zu sammeln. Geputzt wurde die Anlage mit einer desinfizierenden Lösung, die Säcke und Laken aus den Boxen und den üblichen Liegeplätzen musste ich austauschen, Fressnäpfe auswaschen und Trinkwasser auffüllen.

Mit der Zeit stellten wir fest, dass es einfacher war, zu zweit zu putzen. Wir wechselten uns ab, eine putzte die Hundebox, die andere ging mit dem Hund spazieren oder kuschelte mit ihm eine Runde, was sowieso oft viel zu kurz kam.

Wenn es regnete, versank das KAT im Matsch.

Wenn es regnete, versank man regelrecht im Matsch auf dem Gelände. An anderen Tagen gab es gar kein Wasser, da es Probleme mit der regionalen Wasserversorgung gab. Dann wollte man putzen und konnte nicht, da es einfach kein Wasser gab. Wäsche waschen fiel an diesen Tagen genauso flach, wie die Möglichkeit, Hunde zu baden – egal wie schmutzig sie waren und auch wenn man mit einem Spezial-Shampoo Abhilfe gegen Fell-Jucken leis-ten wollte. Schmunzeln musste ich an den Tagen, an denen es Wasser gab, aber ich die Hunde nicht baden sollte, da es an den Tagen bewölkt war und „nur“ so um die 25 Grad warm war. Das empfand man dort als viel zu kalt, um einen Hund zu baden.

Gelassen mit den Gegebenheiten vor Ort umgehen lernen

Mit diesen Hindernissen ging ich irgendwann gelassen um. Es nervte natürlich, wenn wegen Strom- oder Wasserausfall kein Fressen für die Hunde gekocht werden konnte. Sie bekamen Reis mit Hühnchen beigemischt. Das Fressen wird zweimal am Tag frisch für sie gekocht. Es war auch schwierig, Wasser für die Hunde bereitzustellen, wenn es keines gab.

Aber auch da wurde ich erfinderisch und passte mich an. Es ist eine bekannte Tatsache, dass es diese Probleme im Hundezentrum gibt und bevor ich mich ärgern konnte, dass es keine bequemere Lösung gab, sagte ich mir: „Das bekommen wir hin!“ Und wenn das hieß, mit den Hunden das Wasser zu teilen, das für uns Menschen gedacht war.

Das schaute ich mir von den Einheimischen ab.

Bei manchen „Zuständen“ half mir auch, dass ich wusste, dass das KAT erst Ende März auf die neue Anlage umgezogen war. Das alte Haus war verkauft worden und auf dem neuen Gelände war noch Vieles im Aufbau. Ich bin mir sicher, dass es langsam, aber stetig in allen Bereichen Verbesserungen geben wird und bis dahin waren es einfach nur ein paar Situationen mehr, in denen man sich etwas einfallen lassen musste.

Die Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden und mit den Umständen gelassen umzugehen, schaute ich mir von den Einheimischen ab. Natürlich ärgern die sich auch, wenn man nicht so arbeiten kann, wie man will. Aber sie sind geübter und schneller im Annehmen der Gegebenheiten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es ihnen nur uns, den Volunteers, gegenüber unangenehm war. (Bei uns im Volunteerhaus hatten wir übrigens zum Glück nie ein Wasserproblem, dafür öfters mal Stromausfall.)

Hunde als Haustiere sind in Nepal (noch) nicht üblich.

Gewöhnungsbedürftig war das Gassi gehen mit den Hunden. Nicht wegen der Hunde, sondern wegen der Nepalesen, die mir unterwegs begegneten. In Nepal hält man vor allem Nutztiere, mit denen oft hart bzw. sachlich umgegangen wird. Hunde fallen nicht unter Nutztiere und zählen nicht zu den üblichen Haustieren. In der Regel mögen Nepalesen deshalb keine Hunde und schon gar nicht, wenn Menschen mit Hunden an einer Leine spazieren gehen.

Den Einheimischen begegnete ich unterwegs mit ihren Ziegen und Kühen. Es war keine Seltenheit, wenn diese die Hand gegen mich erhoben und versuchten mich mit lauten Drohungen zu verjagen oder die Andeutung machten, einen Stein nach den Hunden und mir zu werfen. Ich denke, sie sahen ein Gefahrenpotential in uns. Vermutlich hatten sie einfach Angst um ihre Ziegen, Hühner, usw. Ich gewöhnte mir an, diesen Drohungen aus dem Weg zu gehen und drehte auf dem Weg um, wenn mir jemand entgegenkam.

Traurige und schöne Momente mit den Straßenhunden

Trotz dieser Widrigkeiten, die mir manchmal auch echt auf die Nerven gingen, hat die Zeit dort Spaß gemacht. Es gibt nichts Schöneres, als wenn einem die Hunde zeigen, dass sie einen mögen, dass sie dankbar für jede Streicheleinheit sind oder sich über jeden noch so kurzen Spaziergang freuen.

Manche Hunde habe ich auch einfach aus dem Hundezentrum getragen, wenn sie noch schlecht laufen konnten oder Angst hatten, durch die Meute zu gehen. So gab ich ihnen die Möglichkeit, ein bisschen zu schnuppern und mal Gras oder etwas anderes als den Boden vom Hundezentrum unter den Pfoten zu spüren. Sie hatten damit auch mal zehn Minuten nur für sich. Ungestörte Streicheleinheiten, das kennen die Hunde dort so gut wie nicht.

Viele Welpen sterben an Parvovirose.

Während meines Aufenthalts wurden viele Welpen aufgenommen, davon überlebten einige leider nicht. Meist verstarben sie an der Hundeseuche (Parvovirose). Das war echt schrecklich! Da ging ich tagelang mit den süßen Knäueln auf die Wiese, ließ sie springen und sah sie begeistert spielen und dann wie aus dem Nichts, von einem Tag auf den anderen wurden sie so krank, dass sie nicht mehr zu retten waren. Zwischendurch gab es kleine Hoffnungsschimmer, aber als ich am nächsten Morgen zur Arbeit kam, erfuhr ich, dass sie am Abend vorher doch noch eingeschläfert werden mussten. Das war ein sehr trauriger Augenblick.

Auf diesen folgten aber auch schöne Nachrichten: Die übrigen Welpen, die überlebt hatten, wurden vermittelt. Das ist nicht selbstverständlich. Denn in Nepal ist es nicht üblich, einen Hund als Haustier zu haben. Oft sind es Einwanderer, die Hunde übernehmen, immer öfter auch Nepalesen, die im Ausland waren und einen anderen Umgang mit Hunden kennengelernt haben, die erfahren konnten, wie schön es sein kann, einen Hund in der Familie zu haben.

Wenn ich mich nicht mit Arbeit ablenken konnte,  liefen mir oft still die Tränen.

Nach dem Schicksal der kranken Welpen war der Anblick von Unfallopfern für mich extrem schwer geworden. Mit Arbeit konnte ich mich davon ablenken, aber sobald ich dann mal ein paar Minuten Ruhe bei den Hunden hatte, liefen bei mir oft still die Tränen.

Schwer misshandelte Hunde gab es während meiner Zeit dort auch, z. B. einen Hund, bei dem die Zunge bis auf wenige Millimeter abgeschnitten wurde, ihn konnte man nur erlösen. Eine wunderschöne Dalmatiner Hündin kam mit schweren Verbrennungen zu uns, sie wurde mit kochendem Wasser übergossen. Ihr ging es täglich besser und alle hofften, dass sie vermittelt werden würde. Meine klare Einstellung half mir diese schlimmen Anblicke zu verkraften:

Meine innere Einstellung half mir, schlimme Anblicke zu verkraften.

Ich weiß, dass ich nicht alle Hunde retten kann. Ich weiß, dass ich nichts Grundlegendes an der Situation für die Hunde dort ändern kann. Aber ich kann in den Wochen, in denen ich dort arbeite, mein Bestes für die Hunde geben. Ich kann ihnen meine Liebe und so viele Streicheleinheiten wie möglich schenken und ich kann den Menschen dort helfen, den vier Festangestellten zur Hand gehen, sie entlasten.

Mir wurde während der Zeit in Nepal sehr bewusst, wie gut es uns in Deutschland geht und dass unsere Vierbeiner ein Luxusleben bei uns haben dürfen. Diesen Standard wollte ich ehrlich gesagt nicht tauschen und doch würde ich jeder Zeit wieder nach Nepal reisen.

Das sind zwei Elefanten, die im Park leben. Nachts sind sie in befestigten Bereichen und tagsüber im Dschungel unterwegs mal mit Mahut mal alleine. Es kommt auch vor, dass ein Elefant erst nach Tagen wieder zurück kehrt.

Auf dem Bild rechts bzw. unten siehst du mich, wie ich dabei bin, einem Elefanten sein „Bonbon“ zu geben. Ich hatte ganz schön Respekt, da sie auch schon Fremde einfach mit dem Rüssel umgeworfen haben.

Zum Abschluss meiner Nepal-Reise: Ein Besuch im Chitwan-Nationalpark

Nach meiner Zeit im KAT ging es zum Abschluss meiner Nepal-Reise für vier Tage nach Sauhara in den Chitwan-Nationalpark. Das war ein weiterer schöner Eindruck von Nepal. Ich habe dort freilebende Elefanten, Nashörner, Krokodile und unzählige Vogelarten gesehen. Im Gegensatz zur Großstadt erlebte ich hier die Natur pur. Das Dorf war aufgeräumter, weniger schmutzig.

In einem Elefantencamp konnte ich beobachten, wieviel Aufwand betrieben wird um sich um die Tiere zu kümmern. Für einen Elefanten braucht es mindestens 3 Mahuts, die sich zusammen mit noch weiteren Helfern um das Tier kümmern. Ich durfte für die Elefanten das Essen zubereiten und sie teilweise sogar aus der Hand füttern. Nach ihrem Frühstück gehen die Elefanten zusammen mit ihren Mahuts in den Dschungel, um dort mehrere Stunden tiergerecht umherzustreifen. Die Tiere leben zwar in einem Camp, werden aber nicht wie Gefangene gehalten, das hat mir gefallen.

Die Straßenverhältnisse sind abenteuerlich!

Was sich in Nepal auch ganz anders gestaltet, als ich es in Deutschland gewohnt bin ist, dass ich für die rund 170 km, die ich von Kathmandu nach Sauhara zurücklegen musste, bei der Hinfahrt sieben Stunden und bei der Rückfahrt zehn Stunden unterwegs war. Es gingen zwei Tage von meinem Ausflug nur für die Fahrt drauf.

Ich bin die Strecke zum größten Teil mit dem Bus gefahren. Es ging bergauf und ab, Leitplanken gab es nicht immer und die Strecke war auch nicht komplett geteert. Wenn der Bus durch den Matsch ins Rutschen kam, wunderte ich mich nicht mehr, dass im Flussbett unter uns immer wieder LKW-Anhänger zu sehen waren. Nicht nur einmal hielt ich vor Schreck und Anspannung die Luft an.

Nepal: Ein Land im Umbruch

Aber man sieht dem Land an, dass es im Umbruch ist. Sowohl in Kathmandu als auch auf dem Land wird viel gebaut. Straßen werden geteert und ausgebaut, neben den einfachsten Baracken entstehen wunderschöne moderne Häuser. Immer wieder fiel mir auf, dass die Frauen in Nepal unglaublich arbeitsam sind. Sie arbeiteten sogar schwer schleppend auf dem Bau. Oftmals sind ihre Männer im Ausland, um Geld zu verdienen, dadurch müssen auch die Frauen im Land die schwersten Arbeiten erledigen. Was sich auf keinen Fall ändern sollte, das ist die Gastfreundschaft der Nepalesen. Die nepalesische Gastfreundschaft war wohltuend, angenehm und nicht übertrieben.

Am Ende meiner Reise wartete noch ein Highlight auf mich.

Wieder zurück in Kathmandu erlebte ich noch ein weiteres Highlight: das „Ricefeedingfest“ für das Baby des Hauses. Dabei handelt es sich um den ersten Tag an dem das Baby mit fester Nahrung gefüttert wird. Die Kinder sind zu diesem Zeitpunkt zwischen 4 und 5 Monate alt. Den genauen Zeitpunkt für das „Ricefeedingfest“ legt der Priester für jedes Kind fest (inklusive der exakten Uhrzeit).

Dieses Fest besteht aus einer großen Zeremonie. Alle Verwandte und Freunde übergeben dem Kind in einer genauen Abfolge ein Geschenk (üblicherweise Geld) und füttern es mit zwei bis drei Reiskörner. Insgesamt wurden für das Kind 35 verschiedene Gerichte gekocht und auf einer Platte aus Blättern sortiert.

Im Sari zum „Ricefeedingfest“

Als ich an der Reihe war, legte ich dem Kleinen eine Blüte auf seine Mütze bzw. den Kopf, berührte seine Hände und Füße, legte mein Geldgeschenk nieder, tat dann allerdings nur noch symbolisch, als würde ich ihm etwas zu essen geben. Bei der großen Anzahl der Gäste wäre es einfach zu viel des Guten gewesen, wenn jeder dem Kind etwas zu Essen gegeben hätte. Da die Zeremonie am Vormittag war, gab es danach Dal Bhat im kleinen Familien Kreis. Am Nachmittag wurde dann mit allen Gästen groß gefeiert.

Kurz vor diesem Fest fragte mich eine Frau der Familie, ob ich einen Sari tragen möchte (ein langes Wickelkleid). Es war mein letzter Tag in Nepal und mir gefiel die Idee, einmal dieses traditionelle Gewand zu tragen. Ich stimmte zu und ließ mich von vier begeisterten Frauen einkleiden.

In Deutschland würde ich mich nicht trauen, so ein Kleid zu tragen, das auch noch bauchfrei ist. Dafür fühle ich mich zu dick.In Nepal werden Saris von jungen und alten Frauen getragen, egal ob dick oder dünn. Es war erstaunlich, in dem Kleid lief ich automatisch aufrechter und weiblicher, trotz der Flip Flops, die in Nepal alle tragen – egal ob Bauarbeiter, Handwerker, Busfahrer. Sehr schnell fühlte ich mich einfach wohl: Ein tolles Erlebnis! Am nächsten Morgen ging es für mich nach fünf Wochen Abenteuerreise mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen zurück nach Deutschland.

Seit meinem Aufenthalt hat sich im KAT viel verändert.

Im Kathmandu Animal Treatment Centre hat sich seit meinem Besuch viel geändert. Es wird permanent gebaut und verbessert. Sie haben mehr Platz und bessere tierärztliche Möglichkeiten. Die Situation für die Straßenhunde ist leider nicht viel besser geworden, aber die Öffentlichkeitsarbeit trägt langsam Früchte. So werden mittlerweile Gräueltaten an den Tieren geahndet, wenn sie bei der Polizei angezeigt werden.

Im letzten Jahr ist die Situation durch die Corona-Pandemie wieder schwieriger geworden, wie wohl weltweit. Ich wollte im März 2020 wieder nach Nepal und dem KAT einen Besuch abstatten. Doch mein Flug fiel aus. Sobald ich kann, reise ich wieder hin.

 

Hast du auch einen Freiwilligendienst mit Hunden gemacht? Dann erzähl mir davon in den Kommentaren oder schick mir deinen Bericht an info@hundecoaching.pro!

Melde dich auch gerne, wenn du Fragen an Sabine hast!