Mein erster Gedanke, als ich aus dem Kino kam, war: Warum hast du dir das angetan? Wie kamst du nur auf die Idee, dir diesen Film anzusehen? Einen Tag später bittet mich meine Freundin Sabine beim Hundespaziergang, ob ich ihr davon erzählen möchte und ich habe immer noch einen Kloß im Hals, wenn ich daran denke. Doch ich versuche es trotzdem.

Ich erzähle ihr von der Stimme (Alexey Serebryakov) aus dem Off, die die Geschichte von den „Space Dogs“ auf Russisch vorträgt (der Film ist mit deutschem Untertitel), von den beiden Straßenhunden in Moskau und von den Hunden, die als erste Lebewesen ins All flogen, die Erde sogar mehrere Wochen umkreisten.

Die Szenen wechseln immer wieder von den Straßenhunden hin zu Archivaufnahmen der echten „Space Dogs“, wie sie eingefangen, ausgewählt und auf den Flug vorbereitet wurden, Aufnahmen aus der Raumkapsel, von der Landung und danach. Wenn die Straßenhunde an der Reihe sind, verstummt die Erzählstimme und die Szenen sind lediglich mit Musik untermalt.

Die Geschichte, die der Erzähler, vorträgt, erinnert mich an ein Märchen. Es geht es um die Tapferkeit und Heldenmut der Moskauer Straßenhunde, die sich für ihre Menschen auf eine Reise ins All begeben. Das kann man sich gut anhören. Nur die Bilder, die man zu diesem Märchen aufgetischt bekommt, zeigen einen grausamen Tierversuch, den nur wenige Hunde überleben.

Szenenwechsel: Zwei Straßenhunde in Moskau, die Kamera folgt ihnen auf Augenhöhe und fängt alltägliche Momente ihres Lebens ein. Man sieht Hundekommunikation vom Feinsten. Dann kommt der Moment, vor dem in der Filmbeschreibung gewarnt wurde: Beide Hunde jagen und töten eine Katze. Eine Zuschauerin verlässt daraufhin das Kino. Aber ja, Hunde sind auch das: Raubtiere.

Doch das ist nicht die einzige Szene, die einen schockieren mag. Am Ende (Achtung Spoiler) sterben die Welpen der Straßenhunde an vergiftetem Fleisch, das Menschen ihnen vor ihre Höhle gelegt haben. Die Bilder der toten Welpen, verwesend, voller Fliegen, krieg ich nicht mehr aus meinem Kopf. Dabei wird im Verlauf des Films durchaus auch gezeigt, dass Menschen den Straßenhunden Wasser und Nahrung geben, sogar wenn sie selbst nur von Müll leben.

Wenn das ein Märchen gewesen sein soll, erschließt sich für mich der Sinn jedoch noch nicht. Vielleicht besteht er ja, wie in anderen Märchen darin, eine wundersame Begebenheit – also etwas, was wir nicht vollständig verstehen – zu vermitteln. Viele Fragen lässt der Film offen. Warum brauchen wir Menschen diese Tierversuche? Wieso schließen sich die „Space Dogs“ nach der wochenlangen Qual im All ihren Menschen wieder an? Sind wir Menschen grausam? Was bedeutet uns der Hund, was bedeuten uns die Tiere? Wo ist die Verbindung?

Als ich abends nach dem Kinobesuch Hause kam, habe ich nochmal die Filmbeschreibungen gelesen und auch die Besprechung als Podcast im Radio gehört. Ich wollte verstehen, was mich veranlasst hatte, ins Kino zu gehen, obwohl ich wusste, dass der Film nicht einfach zu ertragen sein würde. Und ich habe den Grund gefunden.

Eine zentrale Frage, der die beiden Regisseure, Elsa Kremser und Levin Peter, mit ihrem Film auf den Grund gehen wollten, war: „Was sehen die Hunde in uns Menschen?“ Eine Archivaufnahme aus der Raumkapsel habe sie darauf gebracht. Minutenlang schaute darauf einer der Hunde direkt in die Kamera.

Deshalb filmten sie die Straßenhunde, die ursprünglich ja für das Experiment verwendet wurden, und entwarfen eine sehr aufwändige Kameraführung, um sie auf Augenhöhe zu begleiten. Das war es, was mich gereizt hatte und weshalb ich ins Kino ging. Plötzlich fühle ich mich getröstet. Denn womöglich habe ich in diesem Film tatsächlich eine Antwort auf diese Frage gefunden: Hunde sehen uns, wie wir Menschen sind und folgen uns – trotzdem.

Meiner Freundin Sabine habe ich den Film nur mit Einschränkungen empfohlen und ich würde dir auch raten, dich innerlich zu wappnen. Es ist keine seichte Unterhaltung, kein Seelenstreichler, der Film berührt einen sehr tief. Er lädt zu einer Auseinandersetzung ein mit sich selbst und der eigenen Sicht auf Hunde und Menschen. Wenn du den Film auch auf dich wirken lassen, findest du hier die Kinoliste: www.raumzeitfilm.com/spacedogs-kino

Hast du den Film bereits gesehen? Welche neuen Sichtweisen hast du gewonnen?